Wie viele Brennweiten braucht der Mensch?

Als ich mich 2010 von meiner Nikon-Ausrüstung verabschiedete, verschwanden damit auch diverse Zoom-Objektive aus meinem Schrank. Ich sagte meinem 12-24, 24-70, 70-300 und 24-85 "winkewinke".

Doch woher kam eigentlich vorher mein Drang, ein möglichst großes Brennweitenspektrum vollständig abdecken zu wollen? Dazu muss man zurück in die Zeit meiner fotografischen Anfänge blicken. Los ging es mit einer Einsteiger-DSLR mit Kit-Zoom. Kit-Zooms sind ja relativ günstige, total praktische Objektive mit Brennweiten wie Nikons 17-55, 16-85, 18-200. Bei Canon, Sony, Pentax etc. sieht's ähnlich aus. Vom Start an wurde ich als Einsteiger also erstmal mit einem super flexiblen Bereich ausgestattet, der dann "logischerweise" in der meiner "fotografischen Entwicklung" durch weitere Zooms mit anderen Brennweiten ergänzt wurde.

Klar, die Dinger sind ja auch toll. Man bleibt man einfach irgendwo stehen, dreht am Zoomring und tadaa: der Ausschnitt passt. Auch in diversen Forenbeiträgen hatte ich gelesen: "Kauf dir doch noch das x-y-Zoom, dann hast du den Brennweitenbereich von 12 (oder 14, 16, 18) bis 200 (oder 250, 300) vollständig abgedeckt!" Super. Was will man mehr.

Essenz von Amsterdam

Dieser "ich-muss-aber-alle-Brennweiten-abdecken"-Wahn ist jedoch der Versuch der Lösung eines Problem, das gar nicht existiert. Am Ende führte es bei mir dazu, dass ich meine London-Citytour 2010 mit einer Fototasche absolvierte, die mit Inhalt 6 Kilo auf die Waage brachte: D700, 12-24, 24-70, 70-300, Blitz, Ladegerät, Akkus und Speicherkarten wiegen halt ein bisschen. Als Fotograf (er)trägt man das natürlich mit einem Lächeln. Man wechselt dann auch zu jeder Gelegenheit auf das passende Objektiv. "Profi" halt.

Irgendwann kam auch bei mir der Festbrennweiten-Wunsch auf. Da investierte ich mal in ein 105er Makro oder fand ein 50/1,8 für seinen Preis super. Trotzdem kam ich bei meinen Touren leider viel zu selten auf die Idee, mich mal intensiver mit einer Festbrennweite auseinanderzusetzen.

Heute kann ich mir beim Fotografieren nichts tolleres als Festbrennweiten mehr vorstellen. Die Bildqualität ist überragend und man nimmt beim Fotografieren "eine Variable aus der Gleichung". Wer schafft es schon, die Belichtung, den Focus, das Motiv und den Bildausschnitt wirklich zum passenden Zeitpunkt einzufangen? Das ist schon kompliziert genug, obwohl die Technik uns hier ja viel abnimmt. Aber wow: jetzt soll man nicht nur das Hauptmotiv in angemessener Größe ablichten, sondern auch auf den Hintergrund perfekt kontrollieren? Wieviel vom Hintergrund soll mit ins Bild, wie scharf soll das Ganze sein?

Klar: wenn ich doch einfach zoomen kann, warum soll ich dann näher ran oder weiter weg gehen?

Naja, weil sich die Perspektive verändert! Nehme ich dasselbe Motiv mit unterschiedlichen Brennweiten auf, so ergeben sich aufgrund des größeren bzw. kleineren Bildwinkels deutliche Unterschiede in der Gesamtkomposition. Nehme ich also ein bestimmtes Motiv mit einem Teleobjektiv auf, so habe ich weniger Hintergrund drauf, als wenn ich dasselbe Objekt in derselben Größe mit einem Weitwinkelobjektiv aufnehme. Klar, ich muss bei Letzterem erstmal näher ran, um das Objekt formatfüllend ins Bild zu bekommen. Schaue ich mir dann aber den Hintergrund an, so habe ich davon mehr drauf. Gleiches gilt für die Schärfentiefe: Mit einem Tele bringe ich gestaffelte Objekte im Bild näher zusammen, mit einem Weitwinkel weiter auseinander. Durch meinen veränderten Standpunkt ändere ich die Nähe zum Motiv und die Verhältnisse der Entfernungen Kamera - Motiv - Hintergrund. Bei größerer Blende hat all dies einen Einfluss auf die vorhandene Schärfentiefe bzw. auf die Freistellung meines Motivs. Hat man sich einmal mit den Eigenschaften einer bestimmten Festbrennweite- speziell mit dem Bildwinkel - vertraut gemacht, so kann man irgendwann recht gut abschätzen, wie der Bildausschnitt aussieht, auch ohne durch die Kamera zu blicken. Bei meinen Zoomlinsen habe ich mir früher darüber aber überhaupt keine Gedanken gemacht. Ich stand halt irgendwo, holte mir das Hauptmotiv per Zoom heran und 'Klick'.

2010 wechselte ich gleich das ganze Fotosystem von Nikon zu Leica. Die Gründe lagen hauptsächlich in der Kompaktheit des gesamten Systems. Seitdem habe ich nur noch Festbrennweiten und den Fuß-Zoom. Zuerst empfand ich die Umstellung als Einschränkung, doch mittlerweile fühle ich mich damit gedanklich einfach "mobiler". Da ich für den richtigen Bildausschnitt vor oder zurück gehen muss, mache ich auch eher mal den einen oder anderen Schritt zur Seite. Ich brauche zwar für ein Bild nun deutlich länger, aber dafür setze ich mich auch mehr damit auseinander.

Selbst ein Profi wie Joe McNally wurde mal bei einem Workshop von seinem Trainer gefragt, ob er festgewachsen sei oder warum er seinen Hintern nicht bewegen würde. Natürlich: Es gibt Anwendungsgebiete, in denen wirkt ein Zoom Wunder! Ich werde wohl niemals mit meiner Leica bei einer Sportveranstaltung zu gut komponierten Bildern mit formatfüllenden Akteuren kommen. Es sei denn, man zählt Schach zu den Sportarten hinzu.

Brennweiten: Nikon D700 mit Zoom-Objektiven Leica M9 mit Festbrennweite 35 mm

Aber wie viele Brennweiten braucht man denn nun? Wenn man sich von von der Zahl "unendlich" (Zooms) verabschiedet, dann gibt es viele Meinungen, die alle gleichermaßen richtig oder falsch sein können. Viele behaupten, 3 Festbrennweiten reichen, andere schlagen 4-5 vor, Puristen kommen vielleicht auch mit einer hin. Es hängt halt vom persönlichen Geschmack und vom Einsatzgebiet ab. Für Street, Portrait, Landschaft oder Architektur reicht vielleicht eine. Aber wohl nicht für alle die Gleiche:

  • Street
    Zwischen 28 und 75, wenn man nicht im "Stealth Mode" mit dem 400er-Rohr draufhalten will
  • Portraits
    Irgendwas größer oder gleich 50, sonst sehen die Nasen so knubbelig aus
  • Landschaft je nach Gusto zwischen 12 und 50mm, aber wohl eher weitwinklig
  • Architektur
    Zwischen 24mm und 50mm Familienfotos Bei Gruppenbildern eher weitwinklig, bei Einzelaufnahmen eher Normalbrennweiten oder Richtung Tele
  • Tiere
    je länger desto besser
Ich persönlich bin derzeit mit viel zu vielen Objektiven ausgestattet:
  • 21/4
  • 28/2,8
  • 35/1,4 und 35/2
  • 50/1,1
  • 90/2,8
Der Grund für diesen "Overkill" ist recht einfach: Ich bin noch in der (Selbst-) Findungsphase. Für Landschaften derzeit das 21er, für Architektur das 28er, für Street und Sonstiges die 35er und das 50er. Das 90er ist für Portraits. Je nach Lust und Laune packe ich die Kamera mit ein bis zwei Objektiven in die Tasche und gehe los. Die Ausrüstung wiegt dann deutlich unter 3 Kilo.Glaubt man den erfahrenen Fotografen, so ist bei einem Dreier-Objektiv-Setup eine Kombination eine knappe Verdopplung der Brennweiten vorteilhaft, also z.B. 24/50/90. Ein Zweier-Setup könnte somit etwa aus 35/75 oder 50/90 bestehen.Meine M9 ist allerdings eine kleine Diva, die für mich die Objektivauswahl nicht gerade einfacher macht. Als Rangefinder-Kamera kann sie in den Sucher unterschiedliche Rahmen von 28mm bis 135mm einblenden. Alle anderen Bildausschnitte können nur mit Extra-Sucher dargestellt werden, der auf den Blitzschuh aufgesetzt wird. Als Brillenträger überblicke ich den 28mm-Rahmen nicht vollständig, so dass meine liebste Brennweite 35mm ist. Mein 50mm Objektiv mit Offenblende von 1,1 macht allerdings auch eine Menge Spaß.Bei meinen letzten Städtetouren nach Amsterdam und Berlin hatte ich zur Kamera übrigens nur mein 35/2 dabei. Und was habe ich vermisst? Gar nichts.Schloss Sanssouce als Panorama, aufgenommen mit Brennweite 35 mm (Schloss Sanssouci, 35mm, gestitched)